Unser erster Zweihandsegeltörn

Unser erster Törn nur zu zweit! Zeitraum: 29.7. bis 4.8. Revier: Ostsee, Start in Flensburg. Schiff: Sun Odysee 30i, „Thunder“.

Unsere Route

Eigentlich beginnt unser Törn aber schon weit vor dem 29.7. Denn ein Segeltörn besteht nicht nur aus dem Fahren auf dem Wasser, wie immer beim Segeln ist eine gute Vorbereitung wichtig. Unsere (konkreten) Vorbereitungen beginnen etwa Anfang Juli. Sie umfassen:

  • An- und Ablegemanöver besprechen
  • Leinen werfen üben
  • Wind und Wetter prüfen
  • Charterunterlagen genau durchgehen
  • Proviantliste erstellen
  • Und natürlich: Filme aufs iPad laden, Musik-Playlist erstellen, übliches Urlaubschaos bewältigen (Wohnung aufräumen, Pflanzen versorgt wissen, Packen etc.)

Am 27. Juli machen wir uns dann auf den Weg nach Flensburg. Wir kommen bereits zwei Tage vor Törnbeginn an und verbringen noch etwas Zeit bei meiner Schwester. Natürlich steht an den letzten beiden Tagen vor der Abfahrt neben Flensburg-Sightseeing auch Einkaufen und weiter Manöverbesprechung auf dem Plan. Die Nervosität wächst – das schlechte Wetter mit viel Wind und Böen bis zu 30 Knoten und Regen am 29.9., als wir das Boot übernehmen, trägt auch nicht unbedingt zu einer Verbesserung bei. Wir überlegen einige Zeit hin und her: Fahren wir ab? Geht es wirklich bis nach Sonderburg, wie geplant, oder nur bis nach Glücksburg? Wann soll es losgehen?

Das Ablegen und Anlegen ist für viele Segler eine der größten Herausforderungen. Auf dem Wasser selber ist es meistens auch mit kleiner Crew eher unproblematisch. Aber beim An-  und Ablegen muss es i.d.R. schnell gehen – je mehr Wind desto schwieriger. Da sollte jeder wissen, was zu tun ist, die Leinen müssen problemlos laufen etc. Daher waren das auch die Manöver, mit denen wir uns bereits im Vorfeld intensiv auseinandergesetzt haben und vor denen wir den größten Respekt hatten.

Am Nachmittag dann die Entscheidung: Ja, es geht heute noch los! Bis nach Glücksburg. Bis dorthin nehmen wir auch meine Eltern mit, mein Papa immerhin selbst Segler, sodass wir auf dem ersten kurzen Stück noch Unterstützung haben. Dennoch möchten wir alle Manöver zu zweit fahren – die bevorstehende Woche werden wir schließlich auch nur zu zweit sein. Das Ablegen und Anlegen, das uns wegen des starken Seitenwindes und der immer wiederkehrenden Böen, bereits im Vorfeld gedanklich sehr beschäftigt, verlaufen dann aber reibungslos.

An dieser Stelle möchten wir anmerken, dass es für uns sehr wichtig war, am Samstag doch noch losgefahren zu sein! Die Nervosität und Unsicherheit, die ganze Aufregung wegen des bevorstehenden Ablegens staute sich immer weiter an und wäre über Nacht sicherlich nicht weniger geworden. Für unser eigenes Wohlbefinden und für den Kopf war es daher eine enorm gute Erfahrung, gefahren zu sein. Auch wenn es nur 5 Seemeilen bis nach Glücksburg waren.

Und dann: der erste Abend auf dem Boot, unserer Thunder, die uns die folgende Woche treu tragen sollte. Für mich haben solche Abende im Hafen, gerade wenn es ruhig ist wie an diesem, immer etwas unheimlich Schönes – die fast schon gespenstische Stille, die majestätischen Schiffe Mast an Mast liegend… Auch an diesem Abend hatten wir einen traumhaften Sonnenuntergang über dem Meer.

Am nächsten Tag: wir sind tatsächlich nur noch zu zweit. Und machen uns bereit für das erste Ablegemanöver. Heute steuern wir Sonderburg in Dänemark an. Etwa 20 Seemeilen und achterlicher Wind. Nachdem das Ablegemanöver gelungen ist (etwas hektisch zwischendurch, aber immerhin sind die Leinen los) geht es los. Oberstes Gebot an Bord: alle sollen sich sicher und wohl fühlen. Das bedeutet auch, dass wir die ganze Zeit die Rettungswesten tragen. Und uns langsam an das Zweihandsegeln rantasten, indem wir zunächst nur mit der Genua segeln. Als wir dank der Böen zwischenzeitlich auch noch über 30 Knoten Wind erreichen, machen wir sogar für einige Zeit den Motor an, bevor die Genua erneut ausgerollt wird.

Es wird ein sehr schöner Tag auf dem Wasser, auch wenn es anstrengend und (v.a. für mich) vieles neu ist. Schließlich erreichen wir Sonderburg und legen bei etwa 14 Knoten Wind ein gelungenes Anlegemanöver hin. Besonders kam uns zugute, dass wir gegen den Wind in die Box gefahren sind, wie Guido (Dwersteg) es in seinem Video Einhand und Manövertipps empfiehlt – zu unseren Vorbereitungen, wo es auch um An- und Ablegemanöver geht, hat Markus übrigens einen Beitrag verfasst.

Jedenfalls in Luv sind wir schnell fest. Bis wir auch die leewärtige Achterleine angebracht haben, dauert es etwas, da der Dalben recht weit entfernt ist, wir aber meinen: Das schaffen wir mit Werfen! Nun ja. Die ersten Versuche scheitern, v.a. deswegen, weil die Festmacherleine ziemlich dick und schwer ist und nachdem sie einige Male im Wasser gelandet ist, immer schwerer wird. Schließlich die Lösung: wir verbinden die dicke Festmacherleine mit Davids 30-Meter-Leine. Letztere werfen wir über den Dalben und ziehen dann damit die eigentliche Festmacherleine drum.

Und siehe da: Es funktioniert! Eine lange Leine an Bord zu haben, hat sich hier also direkt schonmal bewährt 😉

Auch am nächsten Tag, dem Montag und dritten Törntag, kommen wir erst mittags los. Beim Ablegen stellen wir fest: Palsteks an den achterlichen Festmacherleinen sind beim Anlegen in der Box mit Dalben super, beim Ablegen bereiten sie ein bisschen Kopfzerbrechen, da sie schnell abgemacht werden müssen. Mit etwas Nervosität und Konzentration und nicht zuletzt Hilfe von unseren Nachbarn, die uns von ihrem Boot abhalten, schaffen wir aber auch das Ablegen problemlos. Es geht nach Marstal, etwa 30 sm von Sonderburg entfernt. Der Wind ist günstig, er kommt achterlich, und ich stehe auch ein gutes Stück am Steuer. Heute ziehen wir auch das Großsegel hoch, was ziemlich gut zu zweit funktioniert (worüber besonders ich erleichtert bin, weil ich schon etwas aufgeregt war).

Wir genießen die Zeit sehr und zum ersten Mal kommt das „richtige“ Gefühl vom Zweihandsegeln auf.

Trotz des guten Windes brauchen wir fast 7 Stunden und finden in Marstal, dessen Hafen ziemlich überfüllt ist, nur noch in der hintersten Ecke einen Liegeplatz. Den Abend verbringen wir damit, gemütlich in der Koje zu liegen und einen Film zu schauen.

Von Marstal aus geht es am nächsten Tag los Richtung Lyø. Eine Kollegin von mir hat uns diese sehr hübsche und kleine Insel empfohlen. Aufgrund von Flaute motoren wir die ganze Strecke – an sich ist das auch ganz schön, da wir zwischendurch den Autopiloten anmachen und es uns beide mit einem Buch an Deck gemütlich machen können.

Durch den wenigen Wind kommen einige Insekten und Spinnen an Bord, weshalb ich immer wieder auch damit beschäftigt bin, kleine Spinnen, die sich über das Vorschiff verteilt haben, zu entfernen. Nach ungefähr 20 sm kommen wir in Lyø an – es scheint tatsächlich ein netter Hafen zu sein, aber eben auch sehr klein. Bereits am Nachmittag, als wir eintreffen, sind alle Boxen belegt, sodass wir weiterfahren nach Fåborg. Hier finden wir einen Liegeplatz zwischen einer deutschen Crew, die uns sehr nett beim Anlegen helfen, und einer dänischen Familie. Abends dann große Aufregung bei eben jener: der Roller der kleinen Tochter ist über Bord gefallen. Die Eltern und die Nachbarn helfen tatkräftig mit, den Roller wiederzufinden, und mithilfe eines Ankers wird er dann tatsächlich auch an die Oberfläche befördert.

Bei Markus und mir entwickelt sich – das erste Mal auf dem Törn – eine Diskussion über mein morgendliches Zeitmanagement, Verantwortung und Sorgen. Auf ihm lastet, aufgrund meiner fehlenden Erfahrung, viel Verantwortung und er macht sich natürlich viele Gedanken. Ich möchte ihn natürlich gerne unterstützen, kann an der Erfahrung aber leider nichts ändern. Letztlich einigen wir uns darauf, dass ich früher als er aufstehe (ich brauche morgens eine Weile in der Dusche, ein Zeitraum, in dem sich bei Markus noch mehr Unsicherheiten und Sorgen wegen des Ablegens einstellen) und wir möglichst früh und nicht erst mittags loskommen. Auch über Rettungsmaßnahmen, falls einer von uns über Bord gehen sollte, sprechen wir. Welche Schritte müssen eingeleitet werden? Welcher Funkspruch wird wie abgesetzt? Den Mayday-Funkspruch schreiben wir noch einmal auf und hängen ihn neben das Funkgerät. Markus wird ruhiger, schon das Reden über seine Sorgen hat etwas geholfen. Das wiederum beruhigt auch mich, da ich viel an mir zweifle, ob ich eine Hilfe bin oder ihm die Last der Verantwortung wenigstens etwas erleichtern kann.

Am nächsten Tag, dem Mittwoch und unserem fünfte Törntag, beginnen wir direkt mit den guten Vorsätzen: Ich stehe um 7 Uhr auf, um 8. 30 Uhr legen wir ab. Es geht zurück nach Sonderburg bzw. nach Høruphav – wir haben uns entschieden, lieber einen längeren Schlag zu machen, um bereits frühzeitig möglichst nahe an Flensburg zu sein; der Wind am Freitag, dem letzten Törntag, soll auffrischen, weswegen wir planen, bereits einen Tag früher zurück zu sein.

Der Schlag ist mit 40 sm der längste unseres Zweihandtörns und gerade für mich sehr anstrengend: Wir sind hoch am Wind. Zum einen ist das kräftemäßig für mich viel, wenn ich hinter dem Steuer stehe – meine Beine verkrampfen immer wieder, das Boot wird stark luvgierig und ich rutsche zwei Mal fast zur Seite weg. (Wenn wir zurück sind, wird wieder mehr Sport getrieben!) Psychisch belastend ist für mich dann zusätzlich noch der Moment, als tatsächlich ein „Mayday Mayday Mayday“ über Funk kommt – jemand ist über Bord gegangen, allerdings viel weiter nördlich von uns. Dennoch ein etwas beklemmendes Gefühl, das ich erst nach einigen Seemeilen loswerde.

Abends in Fåborg gibt es zwei lustige Situationen, über die wir immer noch herzlich lachen: Zum einen bin ich sehr stolz darauf, als ich es geschafft habe, die Vorleine an Land über den Poller zu werfen, nach drei Anläufen. Dass der Poller nur etwa 1 Meter entfernt ist, spielt dabei keine Rolle. Etwas verdutzt bin ich lediglich über Markus‘ Kommentar: „Hast du super gemacht! Noch schöner wäre es gewesen, wenn du erst in Luv festgemacht hättest.“ Da wir so gut wie keinen Wind haben, ist das zum Glück nicht schlimm. Die zweite Anekdote – und damit auch der Ausgleich meines Fauxpas – kommt später, als Markus duschen geht.

Die Duschen sind gefühlt am Ende der Welt. Plötzlich ein Anruf auf meinem Handy, von Markus: Er kommt gerade aus der Dusche und hat sein Handtuch vergessen… Also unterbreche ich meine Kochvorbereitungen und mache mich mit Handtuch auf den Weg…

Merke also:

1) Immer erst ALLE Leinen in Luv festmachen.

2) Zum Duschen ein Handtuch mitnehmen. 😀

Dann bricht der sechste und damit vorletzte Törntag an. Für uns heißt es heute: zurück nach Flensburg. Etwa 20 sm – also die Hälfte von unserer gestrigen Strecke. Kinderspiel! – geht es größtenteils wieder am Wind zurück. Der Tag beginnt mit Regen, weswegen wir uns nochmal für etwa 2 Stunden in die Koje kuscheln, bevor wir schließlich doch duschen frühstücken und ablegen. Der Weg ist relativ entspannt, der Wind frischt nur zwischenzeitlich etwas auf. Das Kreuzen schlaucht uns, aber schließlich können wir doch noch etwas auf Halbwindkurs gehen. Erst als es anfängt zu regnen und uns der Wind kaum noch vorwärts bringt, machen wir den Motor an. Der Regen wird immer heftiger, schließlich so schlimm, dass wir kaum noch etwas sehen können. Dass es zusätzlich noch extrem diesig wird, ist ebenfalls wenig hilfreich. Wir schalten die Navigationslichter an und hoffen, aus Sichtmangel nicht am Hafen vorbeizufahren 😉 Kurz vor Flensburg wird es dann aber doch weniger, Markus und ich (wir waren beide ständig an Deck) sind vollkommen durchnässt. Ich stelle fest, dass ich eine neue Regenhose brauche, da meine (offensichtlich) nicht wasserfest ist. Die Aufregung wird dann nochmal etwas mehr, heute machen wir das erste Mal am Schwimmsteg fest. In der Box mit Dalben sind wir ja inzwischen eingespielt, jetzt kommt nochmal eine neue Situation. Und ich muss übersteigen, was mich nervös macht – bei meinem Glück falle ich noch ins Hafenbecken! Aber nichts da, es klappt alles einwandfrei, alle Leinen sind schnell fest, auch wenn der Skipper sich etwas in Widersprüche verstrickt 😉

Den Abend genießen wir noch mit unserer Thunder, kochen und lesen und schauen einen Film.

Am nächsten Morgen sind wir froh, bereits angekommen zu sein, da es fast ununterbrochen regnet und – Zitat Markus – „sauwindig ist“. Wir schlafen noch einmal aus und frühstücken in aller Ruhe (zum Abschluss gibt es sogar Pancakes), bevor wir das Schiff für die Übergabe „herrichten“. Meine Schwester und ihr Freund holen uns ab, was mit dem ganzen Gepäck wirklich toll ist.

Wir verlassen die Thunder mit vielen neuen Erfahrungen, tollen Erlebnissen und Erinnerungen… und freuen uns gleichzeitig auf unser Zuhause und das eigene Bett. Wichtig war für uns, dass wir die Sorgen vor den An- und Ablegemanövern etwas verloren haben und nun wissen, was wir zu zweit alles händeln können.

 

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